Im Auge des Sturms

Es ist Herbst.

Die Blätter beginnen in goldenen Farben zu fallen und die grüne Wiese wird von einem farbenfrohen Blättermeer ersetzt. Ich bin dankbar in einem Land leben zu dürfen, in dem wir alle Jahreszeiten erleben.
Sonnenauf- und -untergänge sind in so wunderbare neue Farben getaucht. Es wird draußen kälter und zu Hause gemütlich; ein erstes Feuer prasselt im Kamin.

Es kommen aber auch wieder die Herbststürme, die oft heftiger ausfallen als früher. Der Wind rüttelt am Haus, so wie das Leben in allen Facetten streichelt oder heftig an uns rüttelt.
So schnell wie ein Sturm aufzieht, melden sich unsere Grenzen, unsere Narben wieder, obwohl wir uns doch gerade so stark gefühlt haben.

Was hilft uns nicht umzufallen? Welches Fundament haben wir?

Hier gibt die Bibel viele Denkanstöße, die zur Hilfestellung werden können. In den Evangelien des Neuen Testaments wird die Geschichte von Jesus beschrieben, die auch als „Frohe Botschaft“ bezeichnet wird. Es gibt eine Begebenheit, in der Jesus mit seinen Jüngern in einem Boot auf dem See Genezareth unterwegs ist. Im Matthäusevangelium heißt es:

Danach stieg Jesus in das Boot und fuhr mit seinen Jüngern weg. Mitten auf dem See brach plötzlich ein gewaltiger Sturm los, so dass die Wellen über dem Boot zusammenschlugen. Aber Jesus schlief. Da liefen die Jünger zu ihm, weckten ihn auf und riefen: „Herr, hilf uns, wir gehen unter!“ Jesus antwortete ihnen: „Warum habt ihr Angst? Vertraut ihr mir so wenig?“ Dann stand er auf und befahl dem Wind und den Wellen, sich zu legen. Sofort hörte der Sturm auf, und es wurde ganz still. Alle fragten sich voller Staunen: „Was ist das für ein Mensch? Selbst Wind und Wellen gehorchen ihm!“
Matthäus 8,23‭-‬27 – Übersetzung: Hoffnung für Alle

Was haben diese alten Geschichten mit unserem Leben heute zu tun? Wem soll das helfen, in den Herausforderungen unserer Zeit und in meinem eigenen Leben?

Ich bin nun schon eine Weile mit Jesus unterwegs und habe oft die Kraft dieser Bibelstelle erlebt; ja, gerade in unserer heutigen Zeit und in den Stürmen des eigenen Lebens.

Was gibt es neben den echten Unwettern für Herausforderungen?

  • Stürme der Seele; wie Ängste,Verzweiflung, Mutlosigkeit, Selbstzweifel…
  • unsere Seelennarben, die sich leider immer dann mit Wucht zurückmelden, wenn wir wieder vor einer ähnlichen Situation stehen
  • scheinbar nicht bezwingbare Aufgaben
  • Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens
  • Herausforderungen im Zusammenleben in der Familie und mit anderen Menschen, ohne etwas ändern zu können usw. usw.

Das Leben bringt uns immer wieder in Situationen, an denen wir mit unseren Schwachpunkten, Narben konfrontiert werden. An diesen Punkten kommen wir uns besonders schwach, dem Sturm ausgeliefert, vor.

Das Gefühl sobald eine Sturmsituation losbricht, ist oft für mich, das Bild eines herumgerissenen Boots auf dem Meer. Auch wenn ich es eigentlich besser wissen müsste, meldet sich die Angst wieder.

„Wie soll ich, das nun schon wieder schaffen? Warum gerade wieder ich?“

Irgendwie sind die vielen Situationen, in denen ich schon Hilfe erfahren durfte, wie aus dem Gedächtnis verschwunden. Man fühlt sich von Gott verlassen, wie in der Bibelstelle: „Aber Jesus schlief.“
Und doch braucht man diese Momente des Herumgeworfenseins aber auch, um sich zu erinnern, dass eben nicht alles zu beherrschen ist, wie uns das oft vorgegauckelt wird. Es lehrt Demut und das Bewusstsein, dass ich nicht alles allein schaffen muss und kann.

Wenn ich mich dann erinnere, dass ich Vertrauen haben darf, dass ich gehalten und getragen werde, kommt plötzlich Stärke und Kraft in die Situation.
Das Seil meines Bootes ist endlich zu Ende und nun greift der Anker. Ja, ich habe einen Anker, auf den ich zählen kann und der mich nicht dem Sturm ausliefert.

Die Bibelstelle spricht aber auch von Stille.
Einige Male hat sich für mich die Situation ganz anders angefühlt. Ich wusste nicht, wie ich die Herausforderung meistern konnte. Die Hauptoption war Weglaufen.
Ich habe dann aber im Gebet, im Gespräch mit Gott, eine unglaubliche Stille und tiefen Frieden erlebt, wie im Auge des Sturms, wenn es ganz ruhig wird. Durch die Situation durfte ich dann, mit diesem inneren Frieden gehen, in einen Schutzmantel gehüllt. Es wurde ganz leicht.

Ich höre sehr gern Herbert Grönemeyer. In „Zum Meer“ heißt es: „Dreh dich um, dreh dein Kreuz in den Sturm.“ Diese kleine Zeile hat mir in den letzten Jahren so viel Mut gemacht, da ich sie auf meine Halskette mit dem Kreuz beziehe und versuche mich jeder Situation zu stellen.

Ich habe das feste Vertrauen „Ich werde gehalten!“. Mich erfasst der Sturm trotzdem und ich merke dann auch in den unterschiedlichen Situationen, an welchen Punkten meine Narben sitzen.
Ja, es ist dort etwas zurückgeblieben, was sich in den „Sturmsituationen“ wieder meldet. Wir können diese Punkte nicht ganz verlieren.
Es macht uns aber auch zu den Menschen, die wir mit unseren Narben sind. Menschen, die aufgestanden sind und nun mit Jesus im Sturm stehen…
Ist das nicht spannend?

Sei behütet!

2 Replies to “Im Auge des Sturms”

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