Bin da

Dunkel
Schwer
Kraftlos
Aufgewühlt
Leer
Erdrückend November
Doch ist da mehr!
Sehnsucht nach Ruhe, Ruhe in Dir?
Friede ist Dein Zeichen, gilt das auch mir?

Jetzt haben wir wieder die Uhren umgestellt. Das macht die Dunkelheit so greifbar. Man muss aufpassen, dass sich nicht diese Schwere über alles legt. Matt, müde, abgeschlagen und doch ist da eine tiefe Unruhe. Ich nenne das mein inneres Blubbern, das nie zum Erliegen kommt, ein gefühlt nicht endender Gedankenstrom: aufwühlend, ohne Richtung, mit einem unsichtbaren Antrieb, endlos, nicht zu stoppen.

Die Natur geht in den Schlaf, es endet etwas, Blätter fallen abgestorben, wie aus dem Nest gefallen, herab. Will ich das wirklich mit der schweren und trostlosen Brille sehen? Die Schöpfung ist doch gerade jetzt voller wunderbarer Farben, mit Sonnenauf- und untergängen, die mich schon auf der Straße zum bremsen gebracht habe, um ein Foto zu erhaschen.

Im November ist unser Hochzeitstag. Auf den Fotos waren die bunten Blätter zu sehen, auf denen wir als Brautpaar, wie auf einem Teppich standen, von Gott als ein Mosaik gemalt.
Wir hatten uns einen Trauspruch gewählt, der uns begleiten sollte:

„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“

Psalm 139,9 Lutherübersetzung


Nun ist es ein Spruch für mich allein geworden und jedes Jahr ist wieder die Lücke greifbar da. Im November fühle ich mich oft, wie am äußersten Meer: auf meine Gedanken zurückgeworfen, allein, müde, das Weitergehen wird schwer, eine jedes Jahr von neuem gesetzte Zäsur.
In dem Vers steckt für mich, aber auch der Herbst mit seinen vielen eindrücklichen Facetten; wunderbare Sonnenaufgänge mit satten Farben; eben die Flügel der Morgenröte, von diesen Flügeln zum äußersten Meer getragen.
Und dann ist da noch diese Zusage, auf die ich fest vertraue, auch wenn ich mich gerade so allein fühle an meinem äußersten Meer. Ich bin geführt und gehalten von Gott, selbst dort in meiner Isoliertheit, im Zweifeln, ob der eingeschlagene Weg richtig ist, ich noch von Gott gesehen und gehört werde.

Ein November in den letzten Jahren:
Voller Herausforderungen habe ich mich eher vorwärts geschleppt, trübe Gedanken, das Aufstehen mühsam, jeder Schritt wird schwer. Obwohl ich schon so viel mit Gott erlebt habe, waren plötzlich wieder diese Zweifel da. Bist du hier? Siehst du mich, hörst du mich noch?
„Es ist alles so bleischwer, ich brauche bitte ein Zeichen.“ Ich habe das beiläufig gedacht, obwohl ich Gott nicht herausfordern soll und möchte.
Irgendwann an diesem Tag bin ich mit dem Auto losgefahren.
Plötzlich war da ein Eichhörnchen. Mitten auf der Straße vollführte es einen lustigen Tanz und verschwand wieder. Ich muss schmunzeln und fahre weiter.
In unserer nächstgrößeren Stadt angekommen, mitten drin auf einer viel befahrenen Straße, war plötzlich neben mir ein Reh auf dem Bürgersteig(!) Es rannte ängstlich im Getümmel einen Berg hoch und verschwand. „Gut, das ist nun jetzt schon etwas schräg, aber ob das von Gott ist, weiß nicht…(?)“ Eine halbe Stunde später auf dem Rückweg muss ich über einen Berg fahren. Oben erscheint ein großer dunkler Truck, eigentlich bedrohlich, wäre da nicht das riesengroße, beleuchtete Kreuz direkt auf der Front gewesen.
Bäm! Nun kann ich es nicht mehr ignorieren. Gott ist da und geht mit! Ich schäme mich wiedereinmal für meine Zweifel!

Gott ist anders! Gott spricht anders!
Wir sind oft nicht auf Empfang, besonders in Durststrecken, wo sich unsere Gedanken, nur mit uns und unserem Fühlen, Sorgen, der Last, dem Selbstmitleid befassen.

Die letzten Blätter fallen im November herab. Wenn man es aber genau anschaut, stürzen sie nicht ab! Sie segeln auf einem Luftkissen sanft zu Boden und tanzen dabei oft lustig. Sie werden getragen!

Im November flüstert es: Bin da! Du kannst weitergehen!

Sei behütet!

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