Höre!


Wir waren 2019 in Israel. Das ist bis heute ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich. Es war, als würde ich nach Hause kommen. Ich war noch nie dort, wo kam dieses Gefühl nur her? Weg von dem lauten Trubel, sind dort viele karge, wüstenähnliche Gegenden, heiß, trocken, unglaublich still, alles in eine heilige Präsenz getaucht. Darin lag eine Aufforderung, still zu werden, innezuhalten, zu lauschen, zu hören.
Das jüdische Glaubensbekenntnis, das Schma Israel, beginnt mit den Worten: „Höre, Israel!“

Da ist wieder dieses: „Höre!“ Ich habe immer geglaubt, dass ich höre. Wir haben Ohren und damit nehmen wir unsere Umwelt akustisch wahr. Trotzdem sagt Jesus in den Evangelien: „Wer Ohren hat, der höre!“ So richtig habe ich das immer nicht verstanden. Die Ohren sind da, ich bin Gott sei Dank gesund und kann hören. Also höre ich doch die Worte im Gottesdienst, von meinen Mitmenschen, oder?
Ich habe in den letzten Jahren im eigenen Erleben erfahren, dass ein tieferes Hören gemeint ist. Nicht nur hören und im Kopf aufnehmen, sondern das Herz öffnen, die Worte mit den Ohren des Herzens hören. Wenn man darüber nachdenkt, kommt man unweigerlich zu Fragen: Will ich dort Worte hineinlassen? Ist mein Herz durch das Leben, durch meine Selbstzentriertheit, durch meine hohen Ansprüche, meinen Perfektionismus, die nicht immer geglückten Wege, hart geworden, um noch berührt zu werden? Halte ich mich ständig in der lauten, ablenkenden Welt auf, nur um nicht auf das Innere oder in das Innere hören zu müssen? Sind meine Herzensohren vielleicht gar nicht ausgeprägt, weil ich mein Herz und meine Gefühle ständig wegdrücke? Selbst wenn wir mit den Ohren des Herzens hören, wollen wir die Botschaft überhaupt? Ist da nicht oft die Aufforderung, sich mit inneren Verletzungen zu beschäftigen oder etwas zu ändern, aus meinen Gleisen, aus meiner Komfortzone herauszutreten? Ist es nicht schöner, einfacher, besser, alles so zu belassen, so wie in dem gut gemeinten Geburtstagswunsch: „Bleib so, wie du bist.“? Kurzum, werde ich nach dem Hören auch den Worten folgen, gehorchen, auch wenn innere Zweifel das Gegenteil sagen? „Gehorchen“ ist ein hartes Wort, es wirkt irgendwie altmodisch, sofort ist ein innerer Widerstand da.

In der Bibel gibt es eine wunderbare Geschichte:
Eines Tages stand Jesus am See Genezareth, und eine große Menschenmenge drängte sich um ihn. Alle wollten Gottes Botschaft von ihm hören. Da sah er am Ufer zwei leere Boote liegen. Die Fischer hatten sie verlassen und waren gerade dabei, ihre Netze zu reinigen. Jesus stieg in das Boot, das Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück vom Ufer abzustoßen. Dann setzte Jesus sich und lehrte vom Boot aus die Menschen. Anschließend sagte er zu Simon: „Fahrt jetzt weiter hinaus auf den See und werft eure Netze aus!“ „Herr“, erwiderte Simon, „wir haben die ganze Nacht hart gearbeitet und nichts gefangen. Aber weil du es sagst, will ich es tun.“ Sie warfen ihre Netze aus und fingen so viele Fische, dass die Netze zu reißen begannen. Deshalb winkten sie den Fischern im anderen Boot, ihnen zu helfen. Sie kamen, und bald waren beide Boote bis zum Rand beladen, so dass sie beinahe sanken.
Lukas 5, 1–7 Übersetzung Hoffnung für alle

Das Wirken von Jesus beginnt. Es ist eines der ersten Ereignisse, die im Neuen Testament der Bibel berichtet werden. Lassen wir die Situation wirken.
Es ist eine Tageszeit, an der man nicht fischt. Die Fischer sind zurückgekehrt, haben nichts gefangen und reinigen ihre Netze. Was wird Simon gedacht haben, als Jesus ihm sagt, er soll die Netze auswerfen? „Bin ich Fischer oder du? Es ist die völlig falsche Zeit zum Fischen. Wir machen uns lächerlich vor den Kollegen.“
Er drückt seine Zweifel in dem Satz aus: „Wir haben die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen.“ Irgendetwas muss in dieser Situation besonders gewesen sein. Vielleicht war es Jesu Blick, vielleicht waren es auch die Worte oder sein Stolz, dem Fremden zu beweisen, dass er nichts vom Fischen versteht. Simon geht über alle seine Zweifel hinweg und wirft die Netze aus.
Unglaubliches passiert: Es kommen so viele Fische, dass beim Einholen der Netze fast das Boot gesunken wäre. Sie mussten die anderen Fischer zu Hilfe holen. Simon hat etwas völlig Abwegiges getan und wurde mit dem Fang seines Lebens belohnt. Es ist dieses Erlebnis, das Simon zu Jesus bringt. Er hat ihn erlebt und kann nicht anders, als nun zu glauben. Er wird ein erster Nachfolger, ein Jünger. Aus diesem Vertrauen und der Entscheidung, die Netze auszuwerfen, wird ein von Gott geebneter Weg, der ihn zu Petrus werden lässt, dem Fels, auf dem Jesus seine Kirche baut.
Und am Anfang stand dieser kleine Satz, den es zu hören galt: „Fahr auf den See! Werfe die Netze aus!“

Ich stehe vor einem Punkt der Veränderung. Gerade habe ich Lehrstunden im Loslassen. Wenn die Kinder ins Leben starten, ist es wunderbar, und ich schaue voller Dankbarkeit auf den großen Segen, der auf ihrem Weg liegt. Doch es ist nun eine Leere in meinem Leben. Mich beschäftigt dieses Gehen der Kinder schon seit Jahren. Mich haben die Worte aus Jesaja 6,8 auf diese tiefe und persönliche Weise angesprochen.

Hier bin ich, sende mich!
Jesaja 6,8 Lutherübersetzung

Sie sind zu meinem Gebet geworden, da ich eine neue Aufgabe unter Gottes Segen suche. Ich habe für dieses Gebet sehr viel Mut gebraucht. Es liegt darin eine Zusage von mir, zu hören und zu tun, was der Herr sagt. Es ist lange Zeit nichts passiert. Seit mehr als einem Jahr geschehen nun Dinge, in denen mich Jesus buchstäblich an die Hand nimmt; eine Lehrstunde des Lebens im Vertrauen auf ihn. Ich gehe Schritte, die manchmal voller Zweifel und Angst sind, mich zum Kopfschütteln bringen, weil sie mir so abwegig erscheinen. Es ist wie bei einem Bauern, der sät, im Vertrauen, dass Großes wachsen wird, oder wie bei Simon in unserer Geschichte, der mit großen Zweifeln noch einmal fischte. Nun sind meine Netze ausgeworfen und seit Wochen stellt sich dieser nicht zu beschreibende Friede ein, dass dieser Weg richtig ist. Es kann sein, ich muss warten, Geduld haben, dass die Netze gefüllt werden. Ich brauche Vertrauen, dass ich die Kraft bekomme, sie einzuholen, dafür auch um Hilfe zu bitten und sie anzunehmen (eine große Baustelle von mir 🙂 ).
Diese Zeit des Wartens wird gerade von einem unglaublich geborgenen Gefühl begleitet, was mich wieder dankbar und sprachlos zurücklässt. Auch wenn niemand bei mir ist, bin ich nicht allein!

Am Anfang stand ein Aussprechen meiner Ängste und Nöte, dann ein Stillwerden und Hören. (Das nennt man übrigens Gebet.) Nun heißt es warten.

Wo sollst du deine Netze auswerfen?

Sei behütet!

P.S. Wie ihr wisst, liebe ich die Serie „The Chosen“. Die Szene am See ist auf eine wunderbare Weise verfilmt. Ich verlinke Euch den Youtubeausschnitt. Er ist in der englischen Originalversion. Auch wenn man kein Englisch versteht, kann man den Inhalt nachvollziehen. Viel Freude!

https://youtu.be/SHxKeziyuQk?feature=shared

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert