Ich gehe gern in die Natur. Das lerne ich gerade ganz neu.
Eine innere Angst lässt mich manchmal zurückschrecken, allein hinauszugehen.
Ich habe als Kind gern Märchen gehört. Hänsel und Gretel mag ich nicht wirklich. Vielleicht kommt da der Satz in meinem Inneren her: „Geh ja nicht allein in den Wald!“ Ich muss das „allein in die Natur gehen“ üben. Es ist eigentlich witzig. Meine Kinder haben mich oft begleitet, und als sie noch klein waren, hätten sie uns auch nicht beschützen können, wenn doch eine Bedrohung im Wald gekommen wäre. Ich war aber mit den Kindern nicht allein, und damit hatte ich ein anderes Gefühl dabei 😉 .
Ende September habe ich es also gewagt und habe mich auf eine längere Wanderung allein begeben. Meine Mama hat mich am Ende des Weges, zu einem Mittagessen in einer Waldgaststätte erwartet. Mit der Aussicht auf ein tolles Essen bin ich losgestapft. Die ersten Kilometer kannte ich mich gut aus, dann hat mir eine Dame, aus meinem Rucksack heraus, Anweisungen gegeben, die mich ins Klettern gebracht und völlig verwachsene Wege finden ließen, also echter Waldsurvival, wirklich komplett allein. Das Witzige war, als ich aus meinem Klettergestrüpp aufgetaucht bin, habe ich einen schönen Wanderweg mit feinen Serpentinen entdeckt, der sich den Wald nach oben schlängelte. Also wieder ein Grund meine elektronische Fußfessel namens Handy mit Wander-App „aus“ zu lassen. Es gibt auch echte Wanderkarten und wenn man darauf schaut, wartet nicht die nächste WhatsApp-Nachricht.
Das Wetter war wunderbar warm, Wind umspielte mich, Schmetterlinge flatterten, Blätter winkten aus den Bäumen (müsst ihr mal darauf achten 🙂 ). Ich hatte keine Angst, Jesus war spürbar dabei und ich genoss die Zeit allein im Wald.
Am nächsten Tag kam über Nacht ein Temperatursturz. Der Herbst war da!
Das Buch Prediger im Alten Testament der Bibel beginnt im Kapitel 3 folgender Abschnitt:
Alles hat seine Zeit
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; usw.
Prediger 3 ff -Lutherübersetzung
Alles hat seine Zeit! Wir können es jeden Tag beobachten. Am Morgen geht die Sonne auf. Es fängt mit kleinen hellen Stellen im Osten an, dann kommen Farben, die Umgebung wird sichtbar, die Sonne kratzt am Firmament und einige Zeit später ist sie in ihrer ganzen Pracht da. Nebel müssen weichen, alles wird in goldenes Licht getaucht. Das wunderbare Geschenk des Morgens, nur wir schauen nicht mehr hin.
Auf den Morgen folgen Mittag, Abend und Nacht. Im Tagesablauf hat alles seinen Platz und so ist es auch mit dem Jahreslauf, den Jahreszeiten. Der Herbst grüßt uns mit wunderbaren Farben, schenkt uns die Ernte (dieses Jahr mit einer Apfelschwemme), es ist alles einfach gewachsen. Wir werden versorgt.
Wie wunderbar ist deine Schöpfung, Herr! Dankbar-Zeit-Herbst!
Im Herbst werden die Tage kürzer, kühler, dunkler. Unser Körper passt sich an. Wir sind vielleicht müde, etwas kraftlos, die Stimmung schwankt und ist oft gedrückt. Dadurch liegt eine Melancholie auf Allem, eine Schwere der Seele im Herbst. Das wird Herbstblues genannt. Es zwingt uns zu einem Innehalten.
Innehalten! Was steckt in diesem Ausdruck: anhalten, stillstehen, ins Innere gehen, mein Inneres halten, mein Inneres anschauen! Da kommt wieder diese Frage: Werde ich es Aushalten, mein Inneres anzuschauen, will ich das überhaupt?
Dieses Jahr kam der Herbst für mich und meine Tochter war kurz vorher, zu ihrem Auslandsjahr aufgebrochen.
Ich freue mich sehr für sie, aber trotzdem hatte ich schon viele Jahre Angst vor diesem Moment; wenn ich in meiner jetzt viel zu großen Wohnung von Ost nach West laufe, nur mich treffe, die Uhr in der Stille so laut vor sich hin tickt. Ich war die ganzen Jahre nie wirklich allein!
Deshalb habe ich gebetet; Gott in den Ohren gelegen. Was wird dann sein? Ich habe meine Ängste ihm gebracht und erstmal den Eindruck gehabt, er hört mich nicht. (Ihr merkt, mit dem Nichtsorgen, funktioniert bei mir nur bedingt). Gott hat ganz andere zeitliche Maßstäbe. Ich habe mir schon Jahre vorher Sorgen gemacht, aber es war da noch gar nicht dran. Wenn wir unsere Gedanken mit zukünftigen Sorgen füllen (mit Szenarien, die meist so nicht eintreten), laufen wir Gefahr, Dinge im Hier und Jetzt zu verpassen. Gott antwortet, aber zu seiner Zeit und so erhielt ich im letzten Jahr ein Bibelwort:
Jesus gab ihm zur Antwort: „Wenn jemand mich liebt, wird er sich nach meinem Wort richten. Mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“
Johannes 14,23 – Neue Genfer Übersetzung
Es war wieder ein Moment der Berührung, als wäre dieses Wort nur für mich. Eine Antwort auf meine so lange gestellte Frage, und ich habe den Vers wörtlich genommen. Ich musste schmunzeln, es wird wohl bei mir eng werden, wenn beide in meine Wohnung einziehen!
Jetzt ist diese Zeit da und was soll ich sagen? Ich fühle mich meistens geborgen, kein Mensch ist bei mir, aber ich fühle mich nicht einsam oder allein. Mein Bibelwort ist eingetroffen, sie sind hier bei mir. Ich habe mein Herz geöffnet und der Heilige Geist, Jesus, der Vater, haben Wohnung darin genommen. Nun darf sich das auch, auf mein Zuhause übertragen. Es hat eine Zeit begonnen, in der ich mich wieder anders kennenlernen darf. Dankbar-Zeit!
Trotzdem ist ein Abschnitt zu Ende gegangen. Durch die Kindheit meiner Kinder war ich so reich beschenkt. Es war die bisher wichtigste Aufgabe in meinem Leben, sie großzuziehen. Ich bin dankbar, wie sie ins Leben gehen. Und doch hat mich die Aufgabe so erfüllt und eigentlich möchte ich, dass diese Zeit noch andauert. Wir sind im Leben ständig herausgefordert, loszulassen; alles hat seine Zeit. Zeiten enden und wir stehen vor neuen Anfängen, auch wenn wir uns diese nicht selbst gesucht haben. Es liegt ein Schlüssel darin, Dinge, Herausforderungen, auch Schweres anzunehmen, unseren manchmal bitteren Kelch zu trinken. Wir können daran wachsen!
Ich möchte gern ein Erlebnis mit Euch teilen, welches die Anregung für diesen Eintrag wurde.
Ich darf bei einem monatlichen Frauenfrühstück mithelfen, auch manchmal mit Kurzandachten. An dem Morgen habe ich also über das Loslassen gesprochen. Dazu hatte ich schwere Pflastersteine mitgebracht, die ich den Frauen zum Spüren des Gewichts in die Hand gab.
Was sagt der Pflasterstein aus:
- man braucht Kraft, um diesen Stein zu halten
- man muss dazu beide Hände nehmen
- er hat Kanten, Krater, Furchen, die beim Tragen Schmerz bereiten
- wir werden daran schmutzig
- man muss die Konzentration auf das Tragen dieses Steins legen, damit er uns nicht auf die Füße fällt
- das Tragen erfordert unsere ganze Aufmerksamkeit, nimmt unsere Gedanken ein
Wir alle tragen an unseren inneren Lasten.
Es können Konflikte sein, es kann Unrecht sein, das man dem Anderen nicht vergeben kann oder das nicht vergeben wird. Es kann nicht gelebte Trauer oder eine Krankheit sein, es können Dinge sein, die man tun müsste oder sollte, aber nie angeht. Vielleicht steckt man in einem Hamsterrad von Dingen, die erledigt werden müssen, von Perfektion.
Es sind Lasten, die wir oft nicht anschauen oder die uns vielleicht gar nicht bewusst sind. Wir schleppen sie mit, verdrängen oder betäuben diese Last, stecken in Süchten. Es sind buchstäblich viele große und kleine Steine auf unserer Seele. Wenn es uns nicht gut geht und wir tief Luft holen, spüren wir sie.
Wer könnte dies besser verstehen, als Jesus? Er wurde einer römischen Geißelung unterzogen und musste, auf den frischen Wunden, das Kreuz tragen. Was für eine unbeschreibliche Last. Er war ohne Schuld und trug die Last anderer nach Golgatha. Golgatha war zu antiker Zeit ein Steinbruch, übersetzt Schädelstätte, weil es vom Aussehen daran erinnerte.
jesus sagt: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben. Vertraut euch meiner Leitung an und lernt von mir, denn ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab. Wenn ihr das tut, dann findet ihr Ruhe für euer Leben. Das Joch, das ich euch auflege, ist leicht, und was ich von euch verlange, ist nicht schwer zu erfüllen.“
Matthäus 11,28-30 – Übersetzung Hoffnung für Alle
Wir dürfen ihm unsere Seelensteine bringen, sie am Kreuz ablegen. Wo könnten sie besser aufgehoben sein, als in einem Steinbruch? Jesus tat es aus Liebe zu uns. Deshalb heißt er auch Befreier, Erlöser.
Wir haben also bei der Andacht zum Frauenfrühstück, ein Kreuz auf Pflastersteine aufgebaut. Ich habe erzählt, was gerade meine Herausforderungen sind, und jede, die es wollte, konnte Seelensteine unter dem Kreuz ablegen. Es sah am Ende so aus:

Ich habe meine Steine schon oft abgelegt und gedacht, dass ich nur den Frauen davon erzählen werde.
Am Abend danach fühlte ich mich anders, als hätte ich lange geweint, ein getröstetes, befreites Gefühl. Nur hatte ich gar nicht geweint. Nach einer Zeit des Grübelns, fiel mir ein, dass ich auch am Vormittag einen Stein niedergelegt hatte. Jesus hatte auch mir eine Last genommen.
Ich hatte angenommen, dass ich seine Gnade bereits erlebt habe und sie damit nicht erneut brauche.
Auf meinem Weg, laufe ich Gefahr, mir immer wieder neue Steine aufzuladen. Ich brauche die Gnade auch! Ich gehe auf dem Weg von Gnade, zu Gnade, zu Gnade!
Aber er hat zu mir gesagt: „Meine Gnade ist alles, was du brauchst! Denn gerade wenn du schwach bist, wirkt meine Kraft ganz besonders an dir.“
2. Korinther 12,9 – Übersetzung Hoffnung für Alle
Jesus trägt unsere Lasten, die Situation hat sich nach außen nicht geändert, aber mit Jesus tragen wir nicht allein und das ist zu spüren. Wenn wir loslassen, wird es leicht und die Hände werden frei. Sie werden frei, um mit Neuem von Jesus beschenkt zu werden. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet und du?
Sei behütet!
PS: Hier noch ein wunderbares Lied zum Steine ablegen: